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„Auf Ihre Sicherheit!“ (Reaktor 1F)

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Comics

In dem Manga „Reaktor 1F“ beschreibt Kazuto Tatsuta einen harten bis drögen Arbeitsalltag, den er 2012 erlebte.
Sein Arbeitsplatz? Das zerstörte Atomkraftwerk Fukushima Daichi.
Angelockt durch die gute Bezahlung und gepaart mit einer Mischung aus Neugier und Hilfsbereitschaft bewirbt sich der Mangaka um eine Stelle in Fukushima, die er nach monatelangen Hin und Her endlich erhält. Eine weitere wichtige Motivation ist sein Wissensdurst um die nukleare Katastrophe, der nur unzulänglich durch die Medien und den Informationen, die in der Bevölkerung kursieren, gestillt werden kann. Vor Ort erhofft er sich einen unverfälschten Einblick in die Thematik (besonders im Hinblick auf etwaige Verschwörungstheorien, die umhergeistern), sowie Informationen aus erster Hand.
Angefangen von Hausmeistertätigkeiten im Pausenbereich der Anlage, gelangt er zu den Aufräumarbeiten am Reaktor selber.
Der Dosimeter bestimmt dabei über den Feierabend, der vor Erreichen der Maximaldosis an Strahlung eingeleitet wird. Die jährliche Belastungsgrenze liegt bei 50 Millisievert, wobei „nur“ 100 Millisievert über 5 Jahre erlaubt sind.

Flying_Tinkerbell_Kazuto_Tatsuta_Reaktor_1F

Eingeleitet wird der Arbeitsbeginn von langwierigen Sicherheitsmaßnahmen, damit eine Kontamination im Rahmen des Möglichen minimiert werden kann. Dies involviert zig Einwegkleidungsstücke, Doppelt- bis Dreifach-Schichten an Schutzkleidung, zahlreiche Stationen an denen die Strahlung gemessen wird und eben den Arbeitsabbruch nach Erreichen der maximalen Strahlungsdosis, was je nach Einsatzgebiet schon nach einer Stunde erreicht werden kann.

Auf den ersten Blick kam mir der Zeichenstil recht altbacken vor, aber nach der Lektüre habe ich eher die Begriffe solide und ernst im Kopf. Wobei, Grimassen Tatsuta durchaus drauf hat. 🙂 Zupass kommt der dokumentarische Stil bei Lageplänen, die einen Überblick über den Aufbau der riesigen Anlage nebst den jeweiligen Aufgaben der Mitarbeiter geben und die Arbeit umso mehr veranschaulichen.
Passend zum Kontext werden immer wieder Sicherheitsutensilien (Masken, Teile der Schutzkleidung) eingestreut und deren Funktionweise gezeigt.
Fotografieähnliche Wiedergaben der zerstörten Gebäude geben einen stillen Einblick in das Ausmaß der damaligen Zerstörung und zeigen auf ernüchternde Weise wie sehr die Aufräum- und Reparaturarbeiten einer Sysiphusarbeit gleichen bzw. wie lange es noch dauern wird bis das ganze Unterfangen beendet sein wird.

Hat man die vergangenen Geschehnisse im Kopf, ist es auf eine gewisse Weise seltsam „Reaktor 1F“ zu lesen: Wer hat nicht die Bilder
vom zerstörten Fukushima vor Augen bei dem durch den Tsunami Wassermassen Häuser mühelos wegrissen und Teile des Atomkraftwerks explodierten. Gegenüber diesen „lauten“ Eindrücken nimmt sich der Manga von Kazuto Tatsuta eher unaufgeregt und nüchtern aus. Man versucht zwar unvoreingenommen an neue Lektüre heran zu treten, aber in diesem Fall hatte ich ehrlich gesagt etwas wesentlich Kritischeres erwartet.
Meine Erwartungen wurden jedoch insofern nicht enttäuscht, da der Mangaka eine hautnahe Bestandsaufnahme seiner damaligen Arbeit abliefert, die einen anderen Blickwinkel in dem Umgang mit der Nuklearkatastrophe bietet.
Da wäre beispielsweise die Außenmeinung aus den Massenmedien und der Bevölkerung, die erheblich mit den Eindrücken der Arbeiter vor Ort kollidiert. Arbeitsunfälle, die aufgeblasen und verdreht werden, damit sie mit dem stilisierten Höllenbild von Fukushima übereinstimmen, obgleich der betroffene Arbeiter vorher schon schlichtweg Gesundheitsprobleme hatte.
Bemerkenswert empfand ich die widersprüchlichen Gefühle, die so mancher Arbeiter, der in der Umgebung beheimatet war, mit sich herumträgt. Einerseits ist man zwar dankbar dafür einer Erwerbsarbeit nachzugehen, da durch die damalige Zerstörung und der Errichtung von Sperrzonen nur wenige Arbeitsplätze verfügbar sind, aber andererseits arbeitet man für eben jenes Unternehmen, dessen Versagen das atomare Unglück begünstigt hat und viele um das zu Hause gebracht haben. Gleichzeitig verspürt man ein nicht unerhebliches Verantwortungsgefühl, da man mit seiner Arbeit einen Beitrag dazu leistet die Sperrzonen irgendwann wieder bewohnbar zu machen.
Kritische Töne hinsichtlich Tepco und der medialen Berichterstattung bleiben zwar nicht aus, aber insgesamt überlässt es der Macher von „Reaktor 1F“ mit seiner tagebuchähnlichen Erzählung dem Leser selber sich ein Urteil zu bilden.

Der Manga ist mit drei Bänden abgeschlossen und wird seit dem 1. März von Carlsen auf Deutsch veröffentlicht. Die einzelnen Bände kosten jeweils 12,99 € und der Nächste wird Ende Juli erscheinen.

 

Vor einiger Zeit hat die Redaktion von Carlsen Manga! mit Kazuto Tatsuta ein kleines Interview geführt, welches wir hier freundlicherweise verwenden können.

 

  • Was war zuerst da: Die Idee, im Reaktor 1F zu arbeiten oder die Idee, einen Manga über die Katastrophe in Fukushima zu zeichnen?

Ich suchte einen Job im Katastrophengebiet (hätte ebenso gut in Miyagi, Iwate oder Ibaraki sein können), letztendlich hat es mich dann aber direkt ins Werk Fukushima 1 verschlagen. Und nein, ich habe meine Arbeit nicht mit dem Vorsatz angetreten, darüber einen Manga zu machen. Aber als Zeichner beschlich mich dann doch die Frage, ob ich einige interessante Erfahrungen nicht im Manga festhalten sollte.

Tatsächlich hatte Fukushima 1 meine Neugier am stärksten entfacht. Wenn es sich dort nicht lohnte, wo dann? Insofern hatte ich großes Glück, auch dort einen Job zu finden.

 

  • Auf welche Weise haben die Erfahrungen durch die Arbeit in Fukushima Ihr Leben beeinflusst?

Ich habe mehr Freunde und Bekannte, und die Liebe zur Region Fukushima ist gewachsen. Auch jetzt, wo ich nicht im Kernkraftwerk arbeite, besuche ich sie oft. Vielleicht werde ich eines Tages dort hinziehen.

 

  • Hatten Sie jemals Angst, durch die Arbeit im Reaktor krank zu werden?

Nein, und ich hatte auch nie Angst davor, gesundheitlichen Schaden zu nehmen. Bisher habe ich eine Gesamtstrahlendosis von 30mSv angehäuft. Auch wenn ich damit unter Einhaltung der vorgeschriebenen Strahlenmenge weiterarbeiten würde, bestünde kein Grund zur Sorge, denke ich. Sollten bei mir schon Anzeichen von Strahlungsschäden auftreten, dann müssten sie bei anderen Leuten, die schon länger mit Radioaktivität zu tun haben, erst recht auftreten. Aber davon ist mir nichts bekannt. Doch solange dazu keine wissenschaftlich fundierten Daten in die Öffentlichkeit gelangen, wird es wohl auch weiterhin Bedenken hinsichtlich der entsprechenden Berufe geben.

 

  • Sie durften wegen der Strahlung nur eine begrenzte Zeit am Stück in Fukushima arbeiten und haben in den Pausen am Manga gearbeitet. War es immer einfach, Ihre praktischen Erfahrungen direkt aufs Papier zu bringen? Oder brauchten Sie nach jeder Arbeitsperiode einige Zeit (um Inspiration zu sammeln, Absprachen mit dem Verlag zu treffen etc.), bevor Sie weiterzeichnen konnten?

Für mich war es sinnvoller, die Erfahrungen zu Papier zu bringen, solang sie noch frisch und lebendig waren. Also möglichst schnell und ohne Pause. Außerdem wollte ich meine Leser nicht zu lang warten lassen. Allerdings kostete es mich jedes Mal Mühe, wieder zurück zum Zeichnen zu finden, nachdem ich mich an das Leben als Arbeiter auf Fukushima 1 gewöhnt hatte.

 

  • Arbeiten Sie immer noch in Fukushima, jetzt, nachdem Sie die Arbeit an “Reaktor 1F” abgeschlossen haben?

Nachdem ich »1F« abgeschlossen hatte, habe ich nicht mehr in Fukushima gearbeitet. Aber ich habe bei verschiedenen Firmen vorgesprochen und sie gebeten, mich zu benachrichtigen, wenn es Arbeit gibt. Sollte ein Angebot kommen, werde ich es annehmen.

 

  • Warum haben Sie den Manga mit Band 3 enden lassen? Ist alles, was sie erzählen wollten, gesagt?

Nennen wir es so: Der Manga hat einen Punkt erreicht, an dem ich am Arbeitsplatz keine neuen Erfahrungen mehr gemacht habe. Daher gönne ich mir erst mal eine Pause. Zu sagen gäbe es viel mehr, als ich im Manga ausdrücken könnte. Warum ihn also unnötig in die Länge ziehen? Ich kann mich ja auch in Zukunft noch gelegentlich in dieser oder jener Form zu dem Thema äußern. Drei Bände sind darüber hinaus eine überschaubare Menge. Selbst wenn man sie auf einmal kauft, belastet das den Geldbeutel nicht zu sehr. Ich hoffe, dass die Serie viele Menschen aus aller Welt erreicht.

 

  • Würden Sie sagen Ihr Werk, ein nicht-fiktionaler Manga, steht in der Tradition anderer nicht-fiktionaler/autobiografischer Manga-Arbeiten?

Vielleicht wäre Reportage treffend. Aus meiner Sicht aber handelt es sich einfach nur um persönliche Aufzeichnungen, um ein Tagebuch sozusagen, das letztendlich das Prädikat Reportage erhalten hat.

 

  • Gibt es andere Mangaka, die Ihre Art zu zeichnen oder zu erzählen, beeinflusst haben?

Mir fällt kein Autor oder Zeichner ein, der mich speziell in diesem Genre der authentischen Manga beeinflusst hätte. Vielleicht gab es da welche, deren Stil ich unbewusst mit aufgenommen habe, ich weiß es nicht. Wer mich aber generell als Manga-Zeichner beeinflusst, ist Hiroshi Hirata mit seinen historischen Comic-Romanen, ein großer Künstler. Er würde sicher auch in Europa gut ankommen (falls er es nicht schon tut).

 

  • Was denken Sie über die Entscheidung der japanischen Regierung, die nach der Katastrophe abgeschalteten Atomkraftwerke wieder hochzufahren, anstatt, z.B. in alternative Energien zu investieren?

Nach der Reaktor-Stilllegung auf Fukushima 1 bin ich in Sachen Kernkraft geteilter Meinung. Und ich finde, dass es hier auch verschiedene Stimmen geben sollte. Insofern habe ich zur Zukunft der Kernkraft nichts zu sagen. Tatsächlich aber macht es mich sprachlos, wie manche Gegner vor lauter Idealismus die Schäden durch den Reaktorunfall bis zum Exzess hochspielen und Ängste vor Gefahren schüren, die es gar nicht gibt. Sie benutzen das Unglück für irgendwelche politischen Anschauungen oder Bewegungen. Ich wünschte, dass das aufhört.

Der Deutschlandfunk hat am 04.03. eine spannende Dokumentation über die Tagelöhner am AKW herausgebracht. Die Reportage dauert gut eine halbe Stunde und ist auf jeden Fall sehr hörenswert. Ihr findet sie hier.

Beeindruckend anzusehen sind im Zusammenhang mit Fukushima die Arbeiten von Guillaume
Bression und Carlos Ayesta.
Die Nachwirkungen der atomaren Katastrophe haben sie in den letzten fünf Jahren in Fotoserien zum Thema „No Go Zone“ festgehalten, in denen abgebildet wurde, wie die Natur sich die Überreste menschlicher Behausungen und Gebrauchsgegenstände einverleibt haben, unsichtbare Grenzen auf unheimliche Weise sichtbar gemacht werden und wie die Zeit in den Sperrzonen einfach still zu stehen scheint.
Bekanntheit erlangten vor allem die Portraits von ehemaligen Bewohnern, die sich für die Aufnahmen an zerstörten Orten einfanden, die vor dem 3. März noch ein normaler Bestandteil ihres Lebens waren. Die Fotografien sind ohne viel Effekthascherei aufbereitet und verursachen beim Betrachten eine leichte Gänsehaut, da man gleich einem Hindurchspähen durch einen schweren Vorhang nur ansatzweise erahnen kann, was für ein monströser Schrecken sich vor Ort ereignet haben und was für Spuren das bei den Überlebenden hinterlassen hat.

Fukushima No Go Zone @ Carlos Ayesta & Guillaume Bression

Fukushima No Go Zone @ Carlos Ayesta & Guillaume Bression

 

Singender_Tintenfisch

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