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„Freuen Sie sich gar nicht?“ (Sechs aus 49)

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Comics

Jeder hatte gewiss mal diesen Tagtraum, in dem man unverhofft zu viel Asche kommt – und was man nicht alles damit anstellen würde! Aufhören zu arbeiten, auf Reisen gehen, sich Kostspieliges gönnen, und sich keine Sorgen mehr machen zu müssen (letzteres wohl auch das, was viele mit finanziellen Reichtum in Verbindung bringen).

In dem Comic „Sechs aus 49“ geht der Autor Thomas Cadène der Frage nach, was ein unverhoffter Geldsegen hervorbringen kann: Die Studentin Mathilde wird von einem unbekannten Mann von der Seite angequatscht, der gerade dabei ist einen Lottoschein auszufüllen und noch drei Zahlen benötigt. Äusserst befremdet lässt sie sich darauf ein und ist heilfroh wieder zu von dannen zu ziehen – aber nicht ohne mit einem Achselzucken seine Handynummer mitzunehmen, da er darauf besteht Hälfte Hälfte mit ihr zu machen, sollte er etwas gewinnen. Der Jackpot liegt bei 60 Millionen Euro, die Tippgemeinschaft steht Kopf und… Mathildes Zahlen werden gezogen!
Völlig neben sich nimmt die junge Frau das Geld in Empfang, leistet sich allerhand Materielles und weiß aber ansonsten nichts mehr mit sich anzufangen. Theoretisch hätte sie zwar mehr Möglichkeiten denn je, dennoch überfordert sie die Gesamtsituation und so hängt sie in einem merkwürdig unbefriedigenden Stillstand fest.

Flying_Tinkerbell_Sechs_aus_49

Mathildes neuer Kontostand bringt im Schlepptau (in)direkt eine Reihe weiterer Ereignisse voran, die ihre Familie und den Freundeskreis etwas arg über den Haufen werfen:
– Vater Henri, der Prinzipientreue mit Starrsinn verwechselt
– Bruder Romain kommt mit sich und der Welt nicht zu Rande
– Mutter Irene hat langsam die Schnauze voll der Fels in der Brandung zu sein
– Freundin Camille fühlt sich verunglimpft und nur noch ausgeschlossen
– sowie Emanuel, ein weiterer Freund, der gaaanz langsam die Welt außerhalb seines Studium wahrnimmt
Und was hat es mit diesem Fremden auf sich, der einfach so mal die Hälfte seines Lottogewinns abgibt? Nun, dieser heißt Hippolyt und verfügt selber über ein beträchtliches Vermögen, was aber nicht darüber hinweg hilft, dass er vor Problemen flüchtet und seine Familie ebenfalls ein reines Minenfeld ist.

„Sechs aus 49“ ist ein fein aufgezogener Comic, der auf der Basis eines so dermaßen unwahrscheinlichen Ereignisses weitere unglaubliche Handlungsketten weiterspinnt, die insgesamt genommen jedoch gar nicht mehr so irreal wirken. Die vielen Personen, die eingebracht werden, geben mit ihren Worten und Taten höchst unterschiedliche, aber recht eindeutige Kommentar dazu ab, was eine Abweichung von der bisherigen Normalität alles durcheinander wirbeln kann.
Umfasst werden Charaktere, die mitten im Berufsleben stehen, sich in in wackeligen Übergangssituationen aufhalten, wie auch ältere Semester, die eigentlich einiges an Erfahrung geschultert haben. Aber egal wie sicher man sich in einem Bereich fühlt – es kann sich alles noch einmal ändern.
Nicht immer auf die angenehmste Weise, aber mit aufschlussreichen Ergebnissen.
Den Eindruck, den ich dabei so mitnehme: Wer nicht bereit ist sich zu verändern oder weiter zu entwickeln, bleibt auf der Strecke und hat manches zu verlieren. Klar, kann man so weitermachen wie bisher (Hat ja in der Vergangenheit „funktioniert“, ne?), aber verdammt! Während man sich nicht schlüssig ist, ob man nicht doch über seinen Schatten springen soll, saust schon eine spannende Gelegenheit vorbei und gerät außer Sicht.
Es ist auf jeden Fall interessant zu sehen wie solche Veränderungen mal durch viel Geld und dann wieder einfach durch eine Verkettung von Ereignissen von statten gehen.

So kunterbunt wie die Riege an Charakteren ist das 118-köpfige Ensemble an Zeichnern bei „Sechs aus 49“, die sich abwechselnd der einzelnen Episoden annehmen und mit ihren visuell so unterschiedlichen Interpretationen nochmals ordentlich Schwung in die Geschichte bringen. Zu den Stilen, die mir in in den ersten Dutzend Episoden ins Auge gefallen sind, gehören beispielsweise reine Buntstiftzeichnungen (Vincent Sorel), energische bis intensiv dreinblickende Gesichter (Aseyn), Linolschnittige Erscheinungen (Erwann Surcouf) oder locker aus dem Handgelenk geschüttelte Figuren (Clotka).

Der französische Originalcomic heißt „Les Autres Gens“ und wurde 2010 bis 2012 an fünf Tagen in der Woche mit jeweils einer Episode aktualisiert (daher auch die Bezeichnung „bédénovela“ =). Charmanterweise wurden diese Aktualisierungen komplett und kostenlos im Netz vollzogen, wo sie mit entsprechenden Französischkenntnissen nach wie vor gelesen werden können.
Hierzulande wandelt die FAZ auf den selben Spuren und veröffentlicht seit Anfang Mai täglich und gratis eine neue Episode auf Deutsch. Aus dem Hause Schreiber & Leser sind seit Juni bereits drei schön großformatige Bände aus der Reihe für 18,80 € erhältlich (ein Band umfasst ganz grob gesagt etwa 20 Episoden).
Im Unterschied zu den Onlineveröffentlichungen, wo man sich von Panel zu Panel klickt, hat man in der gedruckten Ausgabe um die sechs Panels auf einer Seite, was für ein flüssigeres Lesen sorgt. Andererseits führt die von-Panel-zu-Panel-Klickerei zu einer Konzentration auf das einzelne Bild und nur noch mehr zu dem Gefühl, als ob man einer Telenovela beiwohnen würde. ^^

Hinter „Sechs aus 49“ steckt ein wunderbares Konzept, das von einer sich mitwachsenden Geschichte und zig Charakteren in eigenwilligen Zeichnungen eingebettet wird. Ach ja, die Zeichnungen! Innerlich vollführe ich immer kleine Freudentänze bei so riesigen – wie nennt man das? – Kollaberationen, bei denen Stile aus verschiedenen Ecken zusammen geführt werden und man praktisch fortwährend Neuentdeckungen machen kann. =)

Singender_Tintenfisch

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