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„art is you“ (The Amanda Fucking Palmer Salon)

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Dienstag Abend lud Amanda Palmer in Boston zum AFP Salon ein, den sie im Vorfeld als einen Abend mit Musik, Lesungen und formidablen Gästen bewarb.
Veranstaltet wurde dies im Redstar Union, der auch Platz für etwa 50 Zuschauer ließ, die kostenlosen Eintritt dafür erhielten.
Wer nicht direkt in Boston wohnte, musste sich aber dennoch nicht ärgern, weil der Salon live und ebenfalls kostenfrei ins Netz übertragen wurde.
Anfangen sollte es ursprünglich um 19 Uhr, wobei es auf Grund technischer Schwierigkeiten noch eine Dreiviertelstunde dauerte bevor es seinen Anfang nehmen konnte. In der Zwischenzeit wurde das halbdurchsichtige Veranstaltungsposter eingeblendet und man konnte schemenhaft mitverfolgen wie Amanda Palmer die ersten Takte von „Runs in the family“ übte und Songwünsche aus dem Publikum einsammelte („Any terrible request?“).
Irgendwann verschwand auch das Poster und man erhielt freie Sicht auf den Salon. Da der Stream aber immer noch nicht ordentlich lief, überbrückte sie die Zeit mit ihrer improvisierten Version von Jason Webleys „Free Bird“ und versuchte anschließend ein Stück von Glen Campbell simultan nachzuspielen, welches sich als etwas mühsam herausstellte („complicated shit“). Nach mehreren Versuchen es zu rekonstruieren, stellte sie fest, dass sie niemals in einer Pianobar arbeiten könne, da sie „nur“ in der Lage wäre Songs zu spielen, die sie auch kenne.

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Aber dann konnte es endlich losgehen und mit Klaviergedonner begrüßte sie die restlichen Zuschauer. Sie stellte kurz die Gäste vor (Cormac Bride, Sarah Borello, Anthony Martignetti, Super Kate, Neil Gaiman), erklärte den Ablauf des Abends und spielte als nächstes schon „In my mind“ auf der Ukulele. Die Bühne verströmte eine ungeheure Wohnzimmeratmosphäre, wobei die Einrichtung mit einem Mix aus asiatischen und Biedermeierähnlichen Mobiliar tatsächlich so schick wie in einem Salon war.
Als nächstes gab sie „Creep“ wieder, ein Lied, das sie als erstes auf der Ukulele gelernt hatte während sie sich monatelang alleine in London aufhielt. In London kannte sie zum damaligen Zeitpunkt noch niemanden und verfiel noch dazu in einen deprimierten Zustand als sie von ihrer Mutter die Nachricht erhielt, dass das Haus in dem sie aufgewachsen war, verkauft wurde. Man kann „Creep“ daher als eine Hommage an das Haus ansehen.

Der erste Gast war hiernach Cormac Bride, den sie vor gut 15 Jahren kennengelernt hatte, als sie ihr Geld auf der Straße als lebende Statue verdingte. Sie erinnerte sich an der Stelle an einem Spaziergang mit ihm bei dem er nonchalant die Hörer aller Telefonzellen abnahm, die sie passierten, und einfach so baumeln ließ, da er Lust darauf hatte.
Nach einer Gesangseinlage seinerseits ging es mit einer Fragerunde an die Gastgeberin via Twitter weiter bei der sie sich unter anderem über den Fortbestand ihres Nebenprojekts Evelyn Evelyn äußerte (Die Zwillinge leben momentan unglücklich im Keller. =) oder wie sie von dem Gefühl überkommen wird, sich selber zu verlieren, wenn sie nichts Kreatives machen kann und eine erzwungene Pause einlegen muss.
Bei der Antwort im Bezug auf ihre Tour kam sie zu der Einsicht, dass die Hölle für sie wohl gleichbedeutend mit dem Abhängen auf einer Bank in einem Einkaufszentrum sei, wohingegen der Mardi Gras das absolute Gegenstück dazu sei und Drags ja sowieso fantastisch wären.

In völliger Übereinstimmung zu der letzten Bemerkung betrat der nächste Gast Sarah Borello die Bühne, welche in der Vergangenheit bereits des öfteren die Konzerte von Amanda Palmer als Sängerin eröffnete hatte.
Sie spielte am Klavier „Stranglehold“ und bewies in kurzer Zeit was für eine starke Stimme sie trotz einer Erkrankung hatte. Nach dem Stück machten die beiden es sich auf den Sesseln bequem und unterhielten sich darüber wie es sei im kranken Zustand zu musizieren.
Amanda erinnerte sich an ungeheure Taschentuchberge auf der Bühne als sie und Brian Viglione während einer Dresden Dolls Tour gleichzeitig erkältet waren oder an den unglaublichen Kater bei einer Berlin-Show, bei dem sie in jedem Moment einen Kotzanfall befürchtete.
Sarah Borello wurde wiederum von Erinnerungen an einen exzentrischen Sänger heimgesucht, der während einer Show erstmal seinen Mikrofonständer ableckte, dann ihr Gesicht und anschließend fröhlich sein eigenes Erbrochenes auf der Bühne wegmoppte.
Die nächste Twitterfrage näherte sich flugs und auf die Frage, ob sie sich in ihrem Blog bewusst so emotional öffnet, antwortete sie, dass hinter den meisten Blogeinträgen eigentlich nur die Absicht stehen würde über etwas zu informieren und sie aber stark dazu neige abzudriften und dementsprechend emotional zu werden.
Gefolgt wurde das von „Ampersand“ und einem stakkatoartig vorgetragenen „Runs in the family“.

Die erste Lesung des Abends stand danach mit C. Anthony Martignetti an, der die Kurzgeschichte „The Head“ aus seiner Memoirensammlung „Lunatic Heroes: Memories, Lies and Reflections“ vorlas. Nach der Kurzgeschichte unterhielten sich die beiden über das Leben und den Tod und der Autor ging auf den Moment ein als seine Mutter starb und wie er den Übergang von lebend zu tot empfand.
Man erfuhr ferner, dass er im Grunde von Amanda Palmer und ihrem Mann Neil Gaiman dazu gedrängt wurde seine fertig geschriebenen Memoiren doch zu veröffentlichen, was er vor einiger Zeit schließlich auch endlich tat.

Nach einer kurzen Pause gab es einen Bauchtanz von Super-Kate, die dies zu den Klängen von „Feeling good“ vollführte.
Cormac Bride erschien wieder am Klavier und gab seine Version von David Bowies „China girl“ zum Besten. Bei „The Killing Type“ überließ er Amanda wieder den Platz und leistete ihr stimmlich Unterstützung.
Sie beschrieb seine Stimme als „perfectly imperfect“ und stellte deren Klang in einer Reihe mit Nick Cave und Björk.
Beide einigten sich darauf, dass sie lieber in der Lage sein wollten sich mit der Stimme auch ausdrücken zu können als völlig perfekt rüberzukommen.

Angefacht von der Frage, ob man eine schlechte Feministin sei, wenn man Musik höre, die im Grunde etwas Schlechtes aussagt, aber deren Klang einem zusagt, entstand eine Diskussion darüber, was man sich in der Kunst erlauben könne. Als Beispiel wurde auch der HipHop genannt bei dem die Texte bisweilen sexistisch und homophob sein können, aber auf der anderen Seite leidenschaftlich gemachte Musik darstellt.
Weitere Gedanken waren, dass man alles dürfe und keine Grenzen setzen sollte, da sonst die Kunst an sich getötet würde. Man sollte sich nicht von Schuldgefühlen leiten lassen und die Kunst als freie Zone betrachten. Andere Stimmen warfen ein, dass man sich sehr wohl Gedanken machen sollte und daher nur etwas bewusst in die Welt setzen sollte. Dem wurde entgegen gehalten, dass man den Empfänger aber nicht vorweggreifen sollte und letztendlich die Absicht zählt, die dahinter steckt.
Mittendrin bat eine Frau Amanda Palmer für später um ein Autogramm auf ihrem Handgelenk, um es sich tätowieren lassen zu können…
Die Diskussion um die Grenzen der Kunst wurde vorläufig damit abgeschlossen, dass man auf die Intelligenz der Empfänger setzen und es ihm sehr wohl zutrauen sollte, den Inhalt zu begreifen. Ferner wurde die Kunst als ein Mittel angesehen, um seine Angst auszudrücken, sprich ein sicherer Bereich, um sich auszulassen und zu befreien.
An dieser Stelle outete sich Amanda als Befürworterin von Lady Gaga, da sie von den einen als Gesamtkunstwerk und von den anderen als Kommerztante betrachtet wird. Passend dazu gab es eine modifizierte Fassung von „Gaga Palmer Madonna“, gefolgt von „Trout Heart Replica“.

Danach ging es um Eigenwerbung:
Wie bereits erwähnt, war der Salon völlig kostenfrei, wobei Spenden gerne gesehen werden, um die Kosten für die Aufnahme und die Übertragung wieder auszugleichen.
Als Gegenleistung kann man ein limitiertes und signiertes Poster erhalten, dass eigens von Zena el Khalil entworfen wurde, sowie ein HD-Video mit den Highlights und die Livestücke, die von Amanda Palmer während des Salons gespielt wurden.
Der Kostenpunkt für das Paket liegt bei umgerechnet 27€, also durchaus fair!
Bevor sie den nächsten Gast auf die Bühne bat, zeigte sie noch das sehr schön gestaltete Album „Theatre is evil“ mit einem famosen Booklet, das in dieser Form nur die Unterstützer ihres damaligen Kickstarter-Projekts bekommen hatten. Ebenfalls vorgezeigt wurde das zugehörige Artbook, das aber für alle erhältlich ist.

Ja…dann betrat Neil Gaiman die Bühne (Juhuu! =) und zum Einstand gab es von den beiden erstmal ein fluffig-fröhliches Duett. Im Anschluss las er einen längeren Auszug aus seinem neuen Buch „The ocean at the end of the lane“ vor (erscheint zum 18.6.2013 auf englisch) und unterhielt sich danach mit seiner Frau darüber.
Die Zuschauer erfuhren, dass er ihr während des Entstehungsprozess am Abend stückweise das vorgelesen hatte, was er im Laufe des Tages geschrieben hatte. Durch das laute Vorlesen konnte er die Geschichte festigen und Lücken korrigieren, die er dabei bemerkte.
Der Hintergrund zu dem Buch bildet eine Landschaft aus Erinnerungen, die er aus seiner Kindheit und Familie mitgenommen hat, weswegen das Werk nicht verwunderlich autobiografische Züge trägt.
Ursprünglich wollte er nur eine Kurzgeschichte schreiben – beim Zählen der abgetippten Wörter stellte es sich überraschenderweise heraus, dass es mit rund 50.000 Wörtern wohl doch eher ein Roman sein könnte.
Auf die Frage, ob es beängstigend sei etwas Autobiografisches zu veröffentlichen, gab er zurück, dass der Roman für ihn Fiktion sei, bis auf die realen Stellen. Es sei zwar auf der einen Seite recht persönlich, weil es „me-ish“ sei (weswegen er auch etwas nervös ist), aber dennoch sieht er es distanziert: Es ist auf eine gewisse Weise nicht seine Familie, die dort auftaucht und das Kind das dort beschrieben wird, hat einfach nur die selbe Sichtweise wie der damals siebenjährige Neil Gaiman.
Eine sehr schöne und etwas Hirnverdrehende Aussage, die er dabei von sich gab:
Nur weil etwas passiert, heißt es nicht, dass es wahr ist und nur weil etwas wahr ist, heißt es nicht, dass es passiert ist. :3

Zum Ende des AFP Salons habe ich leider nicht mehr alles mitbekommen, die Vorführung eines neuen Songs von Amanda Palmer konnte ich zwar noch mitnehmen, aber den abschließenden Auftritt von Super-Kate habe ich schon nicht mehr gesehen.

Der Salon an sich hat mir gut gefallen: Die Musik war zwar bis auf wenige Ausnahmen (Amanda Palmers „Trout Heart Replica“ und Sarah Borellos „Stranglehold“) überwiegend nichts für mich, aber die anschließenden Gespräche mit den Künstlern fand ich sehr interessant, wie auch witzig durch die vielen persönlichen Anekdoten.
Die Atmosphäre hatte etwas sehr heimeliges, was nicht nur an der bezaubernd dekorierten Bühne lag oder den Gästen, die nicht unterschiedlicher hätten sein können, sondern auch an der Art wie Amanda Palmer die Zuschauer mühelos durch den Abend getragen hat und auf das Publikum im Allgemeinen eingegangen ist.
Klasse finde ich es auch, dass dieses Ereignis für die Zuschauer prinzipiell nichts kostet. Ich finde es jedenfalls gut, dass es jedem selbst überlassen ist, ob man diesen Salon durch den Kauf eines Posters unterstützen möchte oder nicht (wobei ich keinen Zweifel daran hege, dass die Kosten für diesen Webcast nicht flugs gedeckt werden können).

Der AFP Salon ist als eine Serie angelegt und soll, wenn alles gut läuft, regelmäßig von statten gehen.
Die gute Dame wird mit ihrer Band „The Grand Theft Orchestra“ erstmal bis Mitte November auf Tour durch die USA, Europa und Australien gehen (am 29.Oktober macht sie übrigens einen Zwischenstopp im Hamburger Gruenspan).

Singender_Tintenfisch

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